Im Gespräch mit Greis

30 Nov, 2010 5 Kommentare Artikel von

Der Rapper Greis hat im Klangbüro Halt gemacht und spricht darüber, wieso er von gewissen Politikern genervt ist, woher er seine musikalische Inspiration nimmt und wie ein Video, das 146 Franken kostete, zu seinem meistgespielten Song wurde.

Von einem Newcomer zu sprechen wäre untertrieben, dafür ist er schon viel zu lange dabei. Trotzdem ist er einer DER aufstrebenden Schweizer Rapper der letzten Jahre. An den EMA’s im November 2010 vertrat er die Schweiz gebührend und war in der Kategorie “Bester Europäischer Act” nominiert.

Grégoire Vuilleumier, so sein bürgerlicher Name, begann seine Rapkarriere als Mitglied der chlyklass-crew und der Band PVP in Bern. Es folgten Features mit Künstlern wie Züri West, Curse, Stress oder Kool Savas und mehrere Soloalben. Sein aktuelles Album trägt den Titel “3″ und wird von vielen als Meilenstein im Schweizer Rap und als sein persönlich bestes Album gewürdigt. Er hat sich einen Namen gemacht ­– sowohl in der Schweiz wie auch im Ausland – und dies nicht nur aufgrund seiner musikalischen Vielfalt und Experimentierfreude, sondern auch durch seine sozialkritischen und politischen Texte, denen er mit einer Mischung aus Lyrik und Klartext eine Ausdrucksstärke vermittelt, wie es nur wenige Rapper in der Schweiz können.  Seine Texte treffen den Nerv der Zeit. Der Mann hat was zu sagen und wird auch in Zukunft noch viel von sich zu reden machen. Klangbuero.ch hat mit ihm gesprochen:

Du bist nun zurück von den EMA’s in Madrid. Was waren deine Eindrücke, wie hat’s dir gefallen? Konntest du musikalische Kontakte knüpfen?

Nun, es ist nicht wirklich meine Stärke “Pfötchen” zu geben. Ich bin relativ schnell genervt ab gewissen Leuten. Ich lerne aber mittlerweile nett zu Leuten zu sein, die einem etwas bringen und die einem von Nutzen sein können. Ich habe interessante Kontakte geknüpft, es war eine sehr interessante Erfahrung, aber insgesamt war es irgendwie wie ein Zirkusbesuch mit viel Ramba Zamba und Feuerwerk. Aber es ist natürlich klar, dass wenn du dorthin gehst, nicht eine Armee von Produzenten und Musikern darauf wartet mit einem kleinen Schweizer Rapper auf Welttournee zu gehen.

Wie hat dir Madrid gefallen?

Ich liebe Madrid. Ich war vorher schon dort, um Workshops zu geben und ich liebe es mit den spanischen Kids zu arbeiten. Ausserdem gibt’s in Madrid die besten Tacos für 1 Euro, über die ich in meinen wildesten Träumen fantasiert habe. Eine wahr gewordene kulinarische Fantasie! Und auch die Mentalität der Madrilenen gefällt mir. Die ganze Stadt ist voller Bars, in denen man auch am Montagabend um elf Uhr einen Platz reservieren muss. Die Madrilenen sind ständig draussen, so findet das ganze Leben in der Öffentlichkeit statt und das Essen und das Trinken werden dabei zelebriert.

Wie sieht’s denn mit deinem Spanisch aus?

Ich hatte in der Schule Spanisch und danach ein Jahr in Amerika gelebt in einem Quartier mit vielen Mexikanern, ein bisschen Spanisch kann ich also.

Deine Songs handeln oft vom spanischsprachigen Raum wie in “Kolumbus” (Album: 3) oder im Lied über den Bürgerkrieg in Spanien (Song: Ferdinand, Album: 2). Woher kommt das Interesse dafür? Ist es das Interesse für soziale Ungerechtigkeiten, politische Strömungen oder für die Kultur?

Das Angesprochene trifft sicher zu. Auf der einen Seite ist es Zufall und auf der anderen Seite auch bewusst, da der spanische Bürgerkrieg historisch eine wichtige Rolle spielte in Europa, und Vorschauplatz vom Zweiten Weltkrieg war. Ich vertrete die Theorie, dass wenn dort die Legion Kondor Guernica nicht bombardiert hätte und Franco damals nicht gesiegt hätte, es später gar nie zum zweiten Weltkrieg gekommen wäre. Es war also wie ein Testlauf für die faschistischen Kräfte in Europa. Interessant ist auch, dass das Volk auf die Strasse ging, um für die Demokratie zu kämpfen und dass auch viele Schweizer beteiligt waren, die in den internationalen Brigaden kämpften.

Denkst du diese linke, sozialkritische Meinung könnte deinem totalen Durchbruch in der Musikwelt im Weg stehen? Wäre dir das sogar egal?

Also es hilft einem sicher nicht. Die Schweiz ist kein Land von sozialkritischen, linken Städtern, sondern von rechten, ländlichen Schwingfestbesuchern. Da hast du mehr Erfolg, wenn du die Hymne des Schwingfestes machst, als wenn du sozialkritische Texte schreibst. Es muss dir bewusst sein, dass du Vertreter einer Minderheit in einer Minderheit bist. Ich habe mir schon viel überlegt, wäre es der Sache nicht dienlicher, wenn du mal für eine Zeit ruhig bist, was das Zeug anbelangt – politisch aktiv kann man ja immer noch sein – und ein wenig von Blümchen erzählst, um so mehr Leute zu erreichen? Danach könnte man die so erreichten Leute für gewisse Themen besser desensibilisieren. Ich habe das versucht und es gelingt mir nicht wirklich. Ich mache mir keine Gedanken mehr darüber, bewusst sozialkritisch zu schreiben oder nicht. Es kommt einfach wie es kommt. Ich kann dir nicht sagen, ob mein nächstes Album völlig marxistisch, klassenkämpferisch oder Jubel-Trubel-Heiterkeit wird, oder vielleicht sogar beides. Aber um auf die Frage zurückzukommen, sollte mir das im Weg stehen, “jänu”. Es gibt noch ganz andere Hindernisse, die es zu überwinden gilt.

Denkst du Rap über Geschichte hat Zukunft? Insofern, dass man die Jugend so für die Vergangenheit/Geschichte begeistern könnte?

Die Frage ist hier natürlich, was wollen wir uns alles “auf den Teller” nehmen/aufladen. Ich will mich primär in der Musik verwirklichen und gute Musik machen. Nebenbei bin ich politisch aktiv und will mich politisch engagieren. Wenn ich jetzt mir auch noch auflade, dass ich die Jugend für Geschichte motivieren will, dann laufe ich irgendwann Gefahr, dass ich mich verzettle, zu viel will oder nicht mehr effizient sein kann. Ich probiere einfach den Kids beizubringen auf vier zu zählen und danach einen Reim zu platzieren und ich schreibe einfach meine Texte. Wenn sich dadurch jemand beginnt für Geschichte zu interessieren, so wie ich mich für Geschichte zu interessieren begann – ich hörte Public Enemy – dann ist das super! Aber es ist sicherlich nicht meine Absicht. Meine Absicht ist die gleiche wie die von Public Enemy: Ich will geile Musik machen.

Das Lied “So leid” wurde in einer House-Version veröffentlicht. Woher kommt dieser musikalische Umsturz und diese Entwicklung weg von deinen musikalischen Wurzeln?

Also die Musikrichtung heisst French-Elektro. Es ist so: Rapper versuchen ja ständig mit ihren Songs in die Clubs zu kommen. Und zumindest in unseren Gefilden ist das – abgesehen von Stress – stets gescheitert. Ich will nicht behaupten, dass ich das selber nie probiert habe. Vielleicht eher noch mit PVP. Die Entstehungsgeschichte des “So leid”-Remix ist folgende: Mein Produzent Claude und ich lieben Musik und hören dementsprechend auch viele verschiedene Musikstile.  Davon lassen wir uns inspirieren. Eine unserer grössten Inspirationsquellen ist Elektronische Musik ganz allgemein. Und zwar via DJ Medi (Ed Banger). Medi war ursprünglich Frz. Hip Hop Produzent und begann im Jahre 2004 richtig geile, elektronische Musik zu machen. Die Motivation ist ja oft, dass man sich für Hip Hop denselben Freiraum wünscht, den Produzenten ausserhalb des Hip Hops eben haben. Wir Rapper sind ja so überzeugt von uns, dass wir finden, wir brauchen keinen grossen Lied-Aufbau mit Dramaturgie und Crescendo, sondern wir wollen das Prinzip Strophe-Refrain Strophe-Refrain, das genügt uns. Von mir aus noch eine Geige im Refrain, mehr brauchen wir nicht. Uns geht es um den Text. In den anderen Musikgenres ist die Komposition etwas vom Wichtigsten. Im Elektro zum Beispiel schafft man so Spannung und Erwartungshaltungen. Um den Kreis zu schliessen: Claude und ich begannen uns für die Komposition zu interessieren. “So leid” ist also das Resultat davon, dass wir zwei unsere Einflüsse ausleben.

Ist der Remix also kein Kommerzvideo (um in die Clubs zu kommen)?

Lustigerweise wurde das Video, das übrigens 146 Franken kostete (Getränke für die TänzerInnen) zum meistgespielten Video von mir und der Song wurde am meisten in den Clubs gespielt. Natürlich fielen wir nicht aus allen Wolken, wir wussten ganz genau woher der Erfolg kam. Ich habe es schon lange aufgegeben in Clubs zu kommen. Claude und ich funktionieren nicht mehr so, dass wir finden, wir müssen “auf Teufel-komm-raus” mit einem gewissen Song an einen gewissen Ort hinkommen und genau gewisse Leute zu erreichen. Was uns interessiert ist die musikalische Selbstverwirklichung im Rahmen von einem mässigen kommerziellen Erfolg, der es uns erlaubt weiterhin musikalisch tätig zu sein.

Wird der “Old-school oder klassische Hip-Hop” im Allgemeinen und auch bei dir verschwinden?

Diese Art von neuem Hip-Hop ist für mich weniger eine Modeerscheinung – ausgelöst von Deichkind, Kid Cudi, die damit Erfolg hatten – sondern es hat etwas mit der Öffnung des Hip Hops an sich zu tun. Einem Musikstil, der dreissig Jahre alt wurde. Ich denke, wenn ein Musikstil ein gewisses Alter erreicht, wird es einen konservativen Teil geben, der die alte, ursprüngliche Musik verteidigt, aber auch eine moderne Bewegung, die der Meinung ist, dass sich die Musik öffnen kann für andere Musikstile, ohne dabei seine Eigenheiten zu verlieren. Ich persönlich habe 15 Jahre Hip Hop und Graffiti hinter mir und verdiene meinen Lebensunterhalt mit Workshops, in denen ich mit Kids Raptexte erarbeite und meine Instrumente im Rahmen der Hip Hop-Kultur weitergebe. Daher muss ich keine Angst haben – sollte ich auch einmal ein ganzes Album mit House-Beats machen – meine Hip Hop Wurzeln zu verlieren. Ich wache mit Hip Hop am Morgen auf und gehe mit Hip Hop abends zu Bett. Für mich ist auch ein Song wie “So leid” auf jeden Fall ein Hip Hop Song.

Dein erster Song hiess “Teil vo dr Lösig”, der zweit “Teil vom Problem”, was kommt als nächstes? “Teil vom Kompromiss”?

Nein, nein. So machen das uninspirierte Künstler, die machen einfach einen zweiten Teil von etwas, das sie bereits haben. Ich hatte viele Mehrteiler in meinen Alben, und es wird bestimmt auch wieder einige geben, aber es ist nicht die Idee, dass ich die Wiederholung suche, sondern manchmal ergibt sich das einfach. “Teil vom Problem” war einfach eine Reaktion darauf, dass ständig alle (Künstler, Schriftsteller, Regisseure) sagen, sie wollen sich engagieren, aber nicht mit dem Finger auf etwas zeigen. Ich frage mich nun, wer ist denn der, der mit dem Finger zeigt? Wo ist die Musik, wo sind die Filme, die Bücher oder Theaterstücke, die mit dem Finger zeigen? Wenn sich diese Leute abgrenzen wollen von Leuten, die mit dem Finger zeigen, was meinen sie damit? Deswegen wollte ich einen Song machen, der genau das macht; mit dem Finger zeigen. Ich werfe diesen Leute nichts vor, aber ständig dieses “Ich will nicht moralisch sein!” und “Ich will nicht mit dem Finger zeigen!”, was wollen die dann? Sollen wir alle zusammen Spaghetti kochen?

Und so war das ganze eine Reaktion, um zu zeigen: Das nächstes Mal können die einfach sagen, sie seien denn nicht wie Greis und dann weiss man genau, wer gemeint ist. Darum sag ich im Track ja auch “i bin cho, um mit em finger zeige”.

Du bist bei der Ausschaffungsinitiative aktiv geworden anlässlich der Kampagne “Zeig dein Gesicht” auf Facebook. Was ist deine Prognose für die Wahl?

Ich bin politisch aktiv seit der “Stopp F-18″ Initiative. Ich habe viel mehr Initiativen verloren als gewonnen, aber hoffe jedes Mal, wenn ich mich engagiere, dass wir gewinnen und ich mache natürlich auch immer alles dafür. Aber ich kann dir keine Prognose geben. Ich glaube immer dass es möglich ist. Tatsache ist, wir leben in einer Zeit wo eine Minarettinitiative und das Asyl- und Ausländergesetz gezeigt haben, dass eine grosse Mehrheit in diesem Land sensibel ist für die Propaganda von der SVP und sich beeinflussen lässt von diesen Plakatkampagnen. Von dem her ist alles möglich. Was mich sehr erfreut und mir Hoffnung gibt, ist zu sehen, dass, obwohl wir viel verloren haben in den letzten fünf Jahren, immer noch so viele motivierte Leute da sind und Gas geben, weil sie daran glauben, dass wir in einem guten Land leben mit einem wunderbaren Rechtssystem, das so aufgebaut sein soll, dass alle nach den gleichen Regeln bestraft werden. Und dass dies ein Pfeiler von unserer Demokratie ist. Das ganze ist ein langer Prozess. Man vergisst oft, dass ein Jahr, eine Abstimmungskampagne oder eine Demonstration, bloss einen kleinen Augenblick darstellt in einem jahr- oder jahrzehntelangen Prozess. Es ist wie bei einer Fussballmannschaft, die in die zweite Liga absteigt. Ich liebe die Fans, die dann immer noch ins Stadion gehen und schreien und jubeln. Du gehst nicht einfach nicht mehr hin, weil deine Mannschaft abgestiegen ist. Und so ist es auch als linker Aktivist. Wir hatten schon rosigere Zeiten. Und trotzdem sind alle so motiviert und geben Vollgas. Zum Beispiel: In Baselstadt kämpfen so viele Leute gegen die Aussschaffungsinitiative, obwohl wir in den letzten Jahren oft verloren haben.

Mich als St.Galler freut es natürlich, dass du dein neuestes und von vielen als bestes bezeichnetes Album in St.Gallen aufgenommen hast. Was verbindet dich sonst mit der Stadt/der Region?

Schau, ich habe wieder begonnen Fleisch zu essen wegen St.Gallen und “Gemperli”. Ich liebe das Splügenegg, das Klosterquartier, das Restaurant Engel. Ich fühle mich sehr wohl in St.Gallen. Auch mein Produzent Claude wohnt in St.Gallen und deshalb werde ich wohl auch grosse Teile des nächsten Albums in St.Gallen aufnehmen. Mit den W.O.L.V.E.S. habe ich ausserdem gute Kontakte.

Mehr Infos und Tourdaten findet ihr auf seiner Webseite: www.greis.ch

klangbuero.ch bedankt sich für das interessante Gespräch und wünscht Greis weiterhin viel Erfolg auf und neben der Bühne.


kb / UPDATE 08.12.2010

Der glückliche Gewinner des von Greis persönlich signierten Albums heisst:

  • Silas Schiess

Was Du für den Erhalt des Albums nun noch tun musst ist folgendes; Schicke eine E-Mail mit Deiner kompletten Adresse an wettbewerb (at) klangbuero.ch und wir senden Dir den Gewinn zu. Herzlichen Glückwunsch und viel Spass mit dem Album 3.
   
  
  
Ein Geschenk von Greis für die Leser des Klangbüro

  • Greis – Temps Passe WELOYAL Remix, Download
  • Greis feat. Carlos – La Methode II 1, Download
  • Download: Rechte Maustaste auf den Downloadlink und “Ziel speichern unter”

Credits: Interview von Matto aus dem Klangbüro mit Greis am 23.11.2010 – dickes Danke Greis. Bilder, Mp3 und Videoteaser von Greis/deepdive Music.

Einfach so

Der Autor

I love my taste of music!

5 Meinungen zu “Im Gespräch mit Greis”

  1. Pinsel says:

    Top Fragen und Interessante Antworten. Ein sehr ehrliches Interview.
    Witer so :-)!

  2. Dario says:

    Sehr lesenswertes Inti!
    Greis ist bei mir sowieso nur schon wegem diesem track auf der all-time-favs-liste!

    http://www.youtube.com/watch?v=JuZKGQnmsLs

  3. David says:

    Klingt sehr interessant! Man sieht wiedermal, dass Greg zu den intelligentesten Schweizer Künstlern gehört. Hat Spass gemacht, das Interview zu lesen.

  4. Eliane says:

    Interessantes Interview und obendrein macht er noch gute Musik ;)

  5. Roulettesystem says:

    Wirklich ein wahrer Kommentar. Ich sollte dieser Seite haufiger besuchen :-)

Deine Antwort


9 - = 5

Spam Protection by WP-SpamFree