Musikschaffende müssen Veränderungen erzwingen!

20 Sep, 2016 Kommentare Artikel von

Noch nie hat die Vergabe des mit 100’000 Franken dotierten Preises durch das Bundesamt für Kultur (BAK) für dermassen viele Reaktionen gesorgt. Vorneweg: Ich weiss, dass Sophie Hunger gute Arbeit leistet. Aber mir anzumassen, ob genau sie diesen Preis verdient hat oder nicht, mute ich mir nicht zu. Nicht, weil ich Angst habe Stellung zu beziehen, sondern weil ich einfach die exakten Kriterien zur Gewinnung des Preises nicht kenne. Wie wahrscheinlich keiner der Kritiker, aber auch keiner der Supporter Hungers. Was mich nervt – und zwar richtig nervt – ist, dass sich jetzt über Zeitung und Social Media Kulturschaffende der Schweiz gegenseitig anfangen zu bekämpfen. Mit Stellungsnahmen schiessen Kritiker und Befürworter um sich.
Im ganzen Wirrwarr taucht dann noch die Sexismus-Sache auf. «Tagi» begründete die Wahl mit «Sie ist jung, sie ist eine Frau – damit war sie fällig». Meinungsfreiheit hin oder her: eine solche haltlose, sexistische Unterstellung – notabene ist die Jury geschlechtertechnisch gut durchmischt – ist eine Frechheit. Eben genau egal, ob sie von einer Frau oder einem Mann kommt.

Durch Unklarheit zu negativen Schlagzeilen

Trotz allem dient der Bericht zur Darstellung eines Problems: Knackeboul greift in seinem Text in der Tages Woche genau diesen dummen Satz auf und kontert ironisch mit: «Zum Glück gibt’s noch fundierten Kulturjournalismus, etwa im «Tagi». Denkste!» Den restlichen Inhalt des Berichts lässt er komplett unkommentiert. Wobei dieser doch genau einige Punkte enthält die eigentlich im Mittelpunkt stehen sollten. Und im ganzen Gefecht um und über Sophie Hunger gehen diese komplett unter. Hier ein Auszug:

«Ist der Preis ein Förderpreis oder die Anerkennung für ein Lebenswerk? Nach welchen Kriterien können so unterschiedliche Stile verglichen werden? Und welche Rolle spielen föderalistische Überlegungen bei der Vergabe?
Was heisst schon innovativ?
Die Statuten verraten es nicht. Dort ist einzig festgehalten, dass es um «herausragendes und innovatives Schweizer Musikschaffen» gehe.»
- Tagi

Dass beides auf Hunger zutrifft ist unbestritten. Aber die beiden Wörter müssen einfach klarer definiert werden um genau solche Diskussionen nicht aufkommen zu lassen und wirklich die Kultur in den Vordergrund zu stellen.

Konzept soll kommuniziert werden

Sophie Hunger als Einzelfall möchte ich eigentlich nur in einem Punkt aufgreifen. Den Stein ins Rollen gebracht hat Luke Gasser mit der Aussage im Blick: «Der Teufel kackt doch stets auf denselben Haufen.» Dieses Denken teilen sich viele der Kritiker. Gemeint ist, dass Sophie Hunger in ihrer Laufbahn schon beachtlich Fördergeld kassiert hat. Migros, Pro Helvetia, Stadt Zürich und die Suisa haben der jungen Künstlerin bereits finanziell unter die Arme gegriffen. Nadja Zela vertritt ihre gegenteilige Meinung so:

“Und eben sieht man an ihrem Beispiel ja, was aus jemandem wird, der fett gefördert wird! Sie tourt in ganz Europa. Das schreit nach mehr Förderung, nicht nach Kritik!” - Statement auf  Facebook

Diese Meinung vertrete ich auch. Da kommt jetzt das berühmte «aber»: die Kritik ist berechtigt.
Ich habe mir mal die 7-köpfige Jury angeschaut. Sehr gut qualifizierte Leute, deren Urteil gemäss Kompetenzen eigentlich nicht in Frage gestellt werden darf. Aber wenn in der Biographie von Jurymitglied Thomas Burkhalter eben Pro Helvetia auftaucht, Zeno Gabaglio bei der Suisa arbeitet, und Corine Zuber ebenfalls vor längerer Zeit mal bei Pro Helvetia aktiv war, dürfen Fragen gestellt werden. Sie müssen gar gestellt werden. Aber nicht um die explizite Frage an die Vergabe an Sophie Hunger, sondern welches Konzept verfolgt wird.
Will das BAK mit Hunger ein internationales Aushängeschild schaffen und erhofft sich dadurch mehr Aufmerksamkeit auf den Schweizer Musikmarkt zu lenken um langfristig diesen Markt zu stärken? Oder haben sie wirklich einfach keinen Plan und investieren/bereichern sie einfach in den bekanntesten Namen? Dann ist die Gefahr sehr, sehr gross, dass wir zwar mit Hunger eine Top-Künstlerin haben, aber es an Nachwuchs, Alternativen und Vielseitigkeit fehlt in der kleinen Schweizer Musikwelt.

Einstehen für was euch zusteht

Symbolisch für die miese Kommunikation des BAK ist die Stellungnahme von der Mediensprecherin. Sie lässt sich auf blick.ch zum Thema mit: «Ärger liegt in der Natur solcher Auszeichnungen» zitieren. Wer das als Sieg oder eindeutiges Statement gegen die Kritiker aufasst, liegt falsch! Es ist eine Verspottung einer gesamten Branche, in welcher Kritik vom Staat plump abgewertet wird, anstatt sie ernst zu nehmen und sie dann mit den positiven Reaktionen abzuwägen, um vielleicht einen Dialog zu suchen und sich so weiterzuentwickeln.

Zela stellt den Kritikern die wichtige Frage, wie sie denn den kleinsten Musikmarkt der Welt denn fördern würden. Diese Frage muss aber in erster Linie an das gerichtet werden, das die Aufgabe hat, darauf antworten zu MÜSSEN: das Bundesamt für Kultur.

Doch umfassende Antworten oder inovative Veränderungsvorschläge werdet ihr Musiker*innen
fälschlicherweise – nicht einfach so bekommen. Dafür müsst ihr nebst eurem Schaffen noch kämpfen. Bildet eine Gemeinschaft und fordert mehr Fördergelder, fordert ein Konzept und fordert endlich ernst genommen zu werden. Lasst euch nicht von läppischen 100’000 Franken ruhigstellen. Nadja Zela als Präsidentin, Polo Hofer als Berater, Knackeboul als Pressesprecher, Labels als Support, Sophie Hunger als internationale Beraterin, etc. Ihr werdet mit genügend Engagement schon Lösungen finden.

Ihr kennt die nötigen Leute und habt die nötige Aufmerksamkeit um den Staat zu zwingen euer Berufsfeld voranzutreiben. Dies würde vom jungen Flötenspieler bis hin zum alten Schlagersänger helfen.

Kämpferische und musikalische Grüsse,

Joel

Einfach so, Swiss Music

Der Autor

Sorry ich zieh mir gerade guten Sound rein. Mehr zu mir folgt..
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